Überblick
Hybrid bedeutet: Ein Teil der Teilnehmenden kommt vor Ort zusammen, während andere online teilnehmen — gleichzeitig in denselben Sessions oder zeitversetzt in eigenen Arbeitsphasen. Beides zählt für uns zu Hybrid; auch asynchrone Elemente, bei denen unterschiedliche Gruppen auf unterschiedlichen Wegen beteiligt werden, gehören dazu.
Hybrid ist die anspruchsvollste Modalität für Deliberationsprozesse. Die grösste Gefahr: Online-Teilnehmende werden zu Teilnehmenden zweiter Klasse. Plane und gestalte bewusst, um das zu vermeiden.
Warum Hybrid so schwierig ist
- Zwei grundlegend verschiedene Teilnahme-Erfahrungen gleichzeitig managen
- Vor-Ort-Dynamik dominiert natürlich über Online-Teilnahme
- Technische Komplexität verdoppelt sich
- Facilitation-Aufwand steigt erheblich
- Informelle Interaktion zwischen den Gruppen ist schwer herzustellen
Fünf mögliche Modelle
1. Remote-First
Alle arbeiten mit denselben digitalen Tools, auch die Vor-Ort-Teilnehmenden. Der physische Raum wird zum “gemeinsamen Büro”, aber die eigentliche Arbeit findet auf digitalen Plattformen statt. Vorteil: Gleichberechtigte Erfahrung. Nachteil: Die Vorteile physischer Präsenz werden nicht genutzt.
2. Getrennte Tracks
Vor-Ort- und Online-Teilnehmende arbeiten in getrennten Gruppen (z.B. separate TG), aber mit denselben Themen. Die Ergebnisse werden an definierten Punkten zusammengeführt (z.B. bei den Gallery Walks). Vorteil: Jede Gruppe hat eine kohärente Erfahrung. Nachteil: Weniger direkte Interaktion.
3. Asynchron-lastig mit synchronen Berührungspunkten
Der Grossteil der Arbeit findet asynchron auf digitalen Plattformen statt. Synchrone Sessions (vor Ort und online) dienen als Meilensteine. Vorteil: Flexible Beteiligung. Nachteil: Weniger kollektive Energie. Wie sich das konkret gestalten lässt, beschreibt der Abschnitt Asynchrone Elemente einbinden.
4. Buddy-Paare
Jede*r Online-Teilnehmende wird mit einer Vor-Ort-Person gepaart, die als “Remote-Advocate” fungiert und sicherstellt, dass die Online-Perspektive in den Raum getragen wird. Vorteil: Persönliche Verantwortung für Inklusion. Nachteil: Hoher Koordinationsaufwand.
5. Wechselspiel: in die Breite und in die Tiefe
Digital werden Meinungen und Feedback in der Breite eingeholt; vor Ort werden sie diskutiert und weiterentwickelt. Anschließend werden die Ergebnisse zurückgespielt und von den Online-Teilnehmenden weiterbearbeitet. Online- und Vor-Ort-Teilnehmende übernehmen dabei bewusst unterschiedliche Aufgaben. Vorteil: Beteiligung in der Breite und in der Tiefe — das bringt eine neue Qualität mit sich. Nachteil: Erfordert sorgfältige Übergaben zwischen den Phasen.
Unsere Empfehlung
Vermeide gemischte Breakout-Räume. Nutze stattdessen getrennte, aber verbundene Tracks. Online-Teilnehmende arbeiten in eigenen TG/AG mit digitalen Tools; Vor-Ort-Teilnehmende arbeiten physisch. Die Ergebnisse werden bei den Gallery Walks und in der Synthese-Phase zusammengeführt. Alternativ können Online- und Vor-Ort-Teilnehmende unterschiedliche Aufgaben übernehmen (siehe Modell 5).
Zentrales Risiko
Online-Teilnehmende dürfen nicht zu Teilnehmenden zweiter Klasse werden. Prüfe bei jedem Schritt: Haben Online-Teilnehmende den gleichen Zugang zu Informationen, die gleiche Möglichkeit zur Beteiligung und die gleiche Qualität der Erfahrung?
Asynchrone Elemente einbinden
Hybride Prozesse müssen nicht vollständig gleichzeitig stattfinden. Der Prozess lässt sich auch über 2-3 Wochen strecken, mit 3-4 synchronen Berührungspunkten und asynchronen Arbeitsphasen dazwischen. So können unterschiedliche Gruppen auf unterschiedlichen Wegen beteiligt werden — wer nicht zu den synchronen Sessions kommen kann, trägt in den asynchronen Phasen bei.
Ein bewährter Rhythmus:
- Synchrone Meilensteine (je 2-3h): Eröffnung (Schritt 1), Feedback interpretieren (Schritt 3), Ideenaustausch (Schritt 6), Abstimmung und Feier (Schritte 11, 13, 14) — hier entsteht die kollektive Energie
- Asynchrone Phasen dazwischen (je 1-3 Tage): Feedback sammeln (Schritt 2), Vorschläge entwickeln und verbessern (Schritte 4, 7), Feedback auf Vorschläge (Schritte 5, 8), Finalisierung (Schritte 9, 10) — hier haben Teilnehmende Zeit für Reflexion im eigenen Tempo
Worauf du dabei achten solltest:
- Setze klare Fristen für asynchrone Phasen und erinnere aktiv daran
- Benenne Moderator*innen für asynchrone Phasen, die den Diskussionsfluss beobachten
- Plane regelmäßige Zusammenfassungen per E-Mail oder Chat, damit niemand den Anschluss verliert
- Stelle sicher, dass alle Teilnehmenden Zugang zu den digitalen Plattformen haben
Empfohlene Plattformen
- Loomio: Für Deliberations-Threads und asynchrone Diskussionen (Open Source)
- Etherpad: Für kollaboratives Schreiben von Vorschlägen (Open Source)
- Excalidraw: Für visuelles Feedback und Clustering (Open Source; Alternative: Conceptboard, DSGVO-konform)
- Particify: Für Abstimmungen und Umfragen (Open Source)
- BigBlueButton oder Jitsi: Für synchrone Sessions (Open Source)
Zusätzliche Ressourcen
- Dedizierte*r Tech-Support für Online-Teilnehmende
- Remote-Advocate-Rolle einplanen
- Doppelte Facilitation: Je eine Person für Vor-Ort und Online, zusätzlich eine Person für die Moderation des Chats
- Zusätzliche Kameras und Mikrofone in den Räumen
- Digitale Dokumentation aller physischen Ergebnisse (Fotos der Poster, Abschriften)