Überblick
Der Standardprozess im Playbook geht davon aus, dass es einen bestehenden Entwurf gibt, zu dem die Teilnehmenden Feedback geben und Verbesserungsvorschläge entwickeln. Aber nicht jeder Deliberationsprozess beginnt mit einer solchen Vorlage.
Wenn Du ohne initialen Entwurf arbeitest, wird die generative Phase — das Sammeln von Perspektiven und Identifizieren von Themen — zum Kern des Prozesses. Die Teilnehmenden entwickeln Vorschläge von Grund auf, anstatt einen bestehenden Entwurf zu verbessern.
Was sich ändert
Schritt 1 — Rahmen setzen
Das Framing verschiebt sich von “Hier ist der Entwurf, den wir gemeinsam verbessern wollen” zu “Hier ist die Frage, um die wir uns versammeln.” Keynote oder Stakeholder-Präsentationen rahmen den Problemraum, anstatt einen Entwurf vorzustellen.
Schritt 2 — Perspektiven sammeln (statt Feedback generieren)
Benenne diesen Schritt in “Perspektiven sammeln” um. Anstelle von Postern mit dem Entwurf verwendest Du offene Leitfragen oder Themenrahmen. Die Feedback-Kategorien verschieben sich von “Anerkennung / Verbesserung / Dealbreaker / Weitergehende Ideen” zu offeneren Kategorien wie:
- Hoffnungen: Was wünscht Du Dir?
- Bedenken: Was macht Dir Sorgen?
- Ideen: Welche konkreten Vorschläge hast Du?
- Fragen: Was müssten wir noch klären?
Schritt 3 — Themen identifizieren (statt Feedback interpretieren)
Das Clustering kann Themen hervorbringen, die dann für den Rest des Prozesses die “Themen” werden. Dieser Schritt wird generativer: Statt Feedback zu einem bekannten Entwurf zu ordnen, identifizieren die Teilnehmenden die Landschaft der Anliegen und Bestrebungen.
Die Themen müssen möglicherweise erst während der Session festgelegt werden, anstatt im Vorfeld definiert zu sein. Das erfordert mehr Flexibilität und längere Zeitfenster.
Schritt 4 — Vorschläge von Grund auf entwickeln
Dies wird zum primären generativen Schritt. Arbeitsgruppen entwickeln Vorschläge aus den in Schritt 3 identifizierten Themen, anstatt Aspekte eines bestehenden Entwurfs zu verfeinern. Die Templates müssen angepasst werden, um Vorschläge aufzunehmen, die bei Null beginnen:
- Was ist das Problem?
- Was schlagen wir vor?
- Warum ist das wichtig?
Poster-Template anpassen
Passe die Kategorien des Poster-Templates an: Von “Anerkennung / Verbesserungen / Dealbreaker / Weitergehende Ideen” zu “Hoffnungen / Bedenken / Ideen / Fragen” oder “Stärken / Lücken / Vorschläge / Offene Fragen”.
Auswirkungen auf den Zeitplan
Die generative Phase benötigt mehr Zeit. Plane mindestens 30-50% mehr Zeit für die Schritte 2-4 ein, da die Teilnehmenden nicht auf einem bestehenden Entwurf aufbauen, sondern Ideen von Grund auf entwickeln müssen.
Schritte, die unverändert bleiben
Die Schritte 5-15 funktionieren im Wesentlichen gleich, sobald die Vorschläge entwickelt sind. Der Ideenaustausch (Schritt 6) ist bei emergenten Ideen sogar besonders wertvoll.
Digitale Umsetzung
Gerade ohne initialen Entwurf lässt sich die generative Phase gut mit digitalen Methoden unterstützen:
- Perspektiven digital sammeln (Schritt 2): Eine Online-Umfrage oder ein digitales Whiteboard (z. B. Excalidraw) sammelt Hoffnungen, Bedenken und Ideen schon vor der Veranstaltung — so startet die Gruppe mit einem reichhaltigen Ausgangsmaterial
- Themen digital identifizieren (Schritt 3): Das Clustering der gesammelten Perspektiven funktioniert auf einem digitalen Whiteboard besonders gut, weil sich Beiträge verlustfrei verschieben und gruppieren lassen
- Bei großen Gruppen: Tools wie Pol.is machen sichtbar, wo sich emergente Themen und überraschende Übereinstimmungen abzeichnen — eine wertvolle Grundlage für die Themenwahl
- Vorschläge digital entwickeln (Schritt 4): Kollaborative Dokumente (Etherpad, CryptPad) eignen sich gut, um Vorschläge von Grund auf gemeinsam zu schreiben